Bordeaux | Jahrgang 2022
Könnte 2022 der größte Bordeaux-Jahrgang des 21. Jahrhunderts sein? So schwer diese Frage abschließend zu beantworten ist, über eines ist man sich einig: Die Rotweine sind außergewöhnlich gelungen und erreichen ein bemerkenswertes Qualitätsniveau. Die edelsüßen Weine sind mitunter großartig, wenngleich etwas uneinheitlicher. Und auch die trockenen Weißweine stehen vielleicht weniger im Rampenlicht, überzeugen jedoch mit beachtlicher Qualität. Wie es zu diesem positiven Ergebnis kommen konnte? Auch wenn der Herbst trocken und recht kühl ausfiel, stellte sich anschließend milderes Wetter ein, das ganzen Winter über anhalten sollte. Auf die ergiebigen Niederschläge im Dezember folgte anhaltend sonniges Wetter, was Sorgen über eine verfrühte Entwicklung der Reben aufkommen ließ. Dennoch sorgte die wechselhafte Witterung im März letztlich für einen normalen Austrieb der Reben – die beobachteten Frosteinbrüche hatten daher keinen erheblichen Einfluss auf die Weinberge. Im weiteren Verlauf stellte sich ein warmes, trockenes Klima ein; insbesondere die Monate Mai bis September waren durch Rekordwerte bei der Sonnenscheindauer geprägt, die teils weit über dem 30-jährigen Mittel lagen. Aber auch Hitze und Trockenheit prägten diese Zeit: Die Durchschnittstemperaturen lagen regelmäßig um 3 °C über dem 30-jährigen Mittel, und über den gesamten Sommer hinweg kam es zu mehreren Hitzewellen. Gleichzeitig schufen ergiebige Regenfälle im Juni eine Wasserreserve im Boden für die Reben, die später unter erheblichen Niederschlagsdefiziten litten. Von der Rebblüte bis zur Lese erwies sich der Jahrgang 2022 somit als einer der frühesten Jahrgänge seit 2010. Die Beeren stoppten ihr Wachstum rasch und der Reifebeginn setzte früh ein. Anschließend ermöglichten optimale Bedingungen eine perfekte Ausreife der Trauben (einige leichte Regenfälle im August verhinderten Wasserstress). Somit begann die Lese 2 bis 3 Wochen früher als gewöhnlich: bereits am 16. August für trockene Weißweine und Crémants, während sie sich bei den edelsüßen Weinen bis Ende Oktober hinzog. Der Gesundheitszustand der Trauben war dank idealer Witterungsbedingungen absolut makellos, sodass die Winzer in aller Ruhe den Lesezeitpunkt festlegen konnten, sobald die Trauben ihre optimale Reife erreicht hatten. Die Merlottrauben, Anfang September gelesen, und die Cabernet-Sauvignon-Trauben, die man einige Wochen später erntete, entwickelten daher beeindruckend hohe Zucker- und Anthocyankonzentrationen. Die Säurewerte zählten zu den niedrigsten seit einem Jahrzehnt – vorübergehend ein Grund zu der Befürchtung, die Weine könnten aus dem Gleichgewicht geraten. Die Winzer konnten jedoch aufatmen: während der alkoholischen Gärung stiegen die Säurewerte wieder an. Dieser absolut außergewöhnliche Jahrgang kann so jedenfalls bei den Rotweinen mit einem Wort beschrieben werden: grandios. Nicht zuletzt, weil die Weingüter durch die Erfahrung aus den vorangegangenen heißen und trockenen Jahrgängen gelernt hatten, diese schwierigen Bedingungen zu meistern (gezielte Entblätterung, Bodenbearbeitung, Agroforstwirtschaft …). Am linken wie am rechten Ufer von Bordeaux konnten glänzende Erfolge erzielt werden: Die Rotweine präsentieren sich ungemein verführerisch und weisen eine seidig-cremige, lebhafte Textur, außergewöhnliche Intensität und großartige aromatische Komplexität auf. Weiße Trauben litten zwar stärker, zeigen auf den widerstandsfähigsten Terroirs aber eine schöne aromatische Intensität. Bei den edelsüßen Weinen konnte sich die Botrytis angesichts der trockenen Witterung im September nur schwer entwickeln, sodass einige Winzer frühzeitig am Stock gereifte Trauben lasen. Wer hingegen bis Mitte Oktober wartete, wurde mit einer schönen Edelfäule und hochkonzentrierten Trauben belohnt – säurearm, dafür aber besonders aromatisch.















































































