Burgund | Jahrgang 2023
Der Jahrgang 2023 im Burgund scheint im Nachhinein wie eine heikle Gratwanderung: Zwischen früh einsetzender Milde, plötzlichen Kälterückfällen und sommerlichen Hitzeschüben mussten die Winzer Ruhe bewahren. Bereits im Januar täuschte der Winter einen verfrühten Frühling vor: In der ersten Monatshälfte herrschten erstaunlich milde Temperaturen, danach jedoch zeigten sich die jahreszeitlichen Durchschnittswerte. Erst in den letzten Märztagen begann die Rebe wirklich zu erwachen, angeregt durch einen späten Temperaturanstieg. Der Chardonnay trieb als erstes aus, gefolgt vom Pinot Noir Anfang April – durch die ständigen Wetterumschwünge gestaltete sich der Austrieb jedoch schleppend. Je nach Lage und Rebsorte wurde der halbe Austrieb erst zwischen dem 9. und 17. April erreicht.
Der insgesamt eher kühle April endete dennoch mit einer milderen Phase, die bis in die ersten Maitage anhielt. Darauf folgte erneut eine Abkühlung, bevor ab dem 19. die Temperaturen wieder über die saisonalen Normwerte stiegen. Am Pfingstwochenende zeigten sich die ersten Blüten. Insbesondere beim Chardonnay wurden Phänomene der Verrieselung beobachtet, die unter anderem mit dem anhaltenden Wassermangel im Frühjahr zusammenhingen.
Auch der Sommer zeigte sich wechselhaft: Gewitterepisoden häuften sich und waren teilweise sogar von Hagel begleitet. Die zwar lokal begrenzten Schäden konnten jedoch die Gesamtsituation nicht mehr verbessern: Die sehr ungleich verteilten Niederschläge konnten ein seit Jahresbeginn bestehendes Wasserdefizit kaum ausgleichen. Anfang Juli kommt es zu einer kurze Hitzwelle, eine noch extremere folgt zwischen dem 10. und 25. August, mit tropischen Nächten, in denen die Temperaturen nahe an 20 °C heranreichen. Der September beginnt in nahezu sommerlicher Atmosphäre.
Die Reifephase setzte bereits ab dem 11. Juli zaghaft ein, etabliert sich jedoch erst Ende Juli wirklich. Leider fiel das Stadium der halben Véraison zwischen dem 9. und 12. August mit dem Höhepunkt der Hitzewelle zusammen, was die Farbbildung verlangsamte. Gleichzeitig reichern sich die Trauben rasch mit Zucker an, wobei ihre Säure gleichzeitig abnahm. Ein Wetterumschwung am 24. August bremst diesen Prozess, doch die allmähliche Rückkehr zu wärmeren Bedingungen Anfang September ermöglicht eine schöne Endreife der Beeren. Die Ernte der Crémants beginnt in den ersten Septembertagen, die Lese der restlichen Weine erstreckt sich anschließend über den gesamten Monat. Die Rotweine, im Vegetationszyklus voraus, erreichen früher die Reife. Der großzügige Ertrag des Jahrgangs macht es jedoch bisweilen notwendig, mit der Ernte zu warten.
Zwar zeigten sich die Schädlinge 2023 verhalten, Falscher und Echter Mehltau erforderten jedoch besondere Aufmerksamkeit. Der stark von Niederschlägen und der Qualität des Pflanzenschutzes abhängige Befall blieb jedoch kontrolliert. In der der Côte-d’Or wurde er eingedämmt, nahm in der Saône-et-Loire zu und breitete sich moderat im Département Yonne aus. Die Gewitter Ende August lassen einige Herde von Botrytis und Essigfäule wieder aufleben, vor allem beim Pinot Noir, ganz zu schweigen von den durch die Augusthitze verbrühten Beeren. Die strenge Auswahl im Keller ermöglicht es jedoch, das Schlimmste zu verhindern.
Trotz aller Herausforderungen und dank eines großzügigen Sommers zeigten sich die Erträge 2023 größer als erwartet. Und obwohl das Wetter alles andere als ruhig verlief, bietet der Jahrgang dennoch ein bemerkenswertes qualitatives Potenzial. Die Weißweine zeigen sehr schöne Reifegrade und überzeugen mit einer interessanten aromatischen Komplexität, geprägt von reifen weißen Beeren und bei gleichzeitig bewahrter Frische. Dieses zugleich geschmeidige und genussvolle Profil erinnert nicht ohne Grund an die Chardonnays des Jahrgangs 2018. Bei den Rotweinen sind die Aromen ebenfalls sehr ansprechend, mit ausdrucksstarken fruchtigen und floralen Noten. Die Texturen sind dicht und die Tannine seidig, auch wenn die Konzentration nicht zu den beeindruckendsten zählt. 2023 präsentiert sich hier als ein Jahrgang von großer Trinkfreude, der zwar kein außergewöhnlich hohes Reifepotenzial besitzt, dafür aber schon jetzt viel Vergnügen bereitet.















































































